{"id":189,"date":"2012-06-01T05:52:07","date_gmt":"2012-06-01T02:52:07","guid":{"rendered":"http:\/\/saritfuchs.co.il\/?p=189"},"modified":"2012-07-01T05:53:34","modified_gmt":"2012-07-01T02:53:34","slug":"holocaust-kenne-ich-er-wohnt-bei-mir-nebenan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/saritfuchs.co.il\/?p=189","title":{"rendered":"&quot;Holocaust? Kenne ich. Er wohnt bei mir nebenan.&quot;"},"content":{"rendered":"<div style=\"direction: ltr;\">\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein deutsches Jugendtheater f\u00fchrt in Israel eine Vorstellung auf, in der das Verh\u00e4ltnis der vierten Generation in Deutschland zur Shoah zum Ausdruck kommt. Nach einer Reihe von Provokationen, darunter auch Clowns, die das Wort &quot;Holocaust&quot; deklamieren oder ein junges M\u00e4dchen, das sich vom nationalen Trauma befreien will, indem es seine langen Beine mit Creme einreibt, ist das Publikum schockiert. Aber es kann nicht anders als zu genie\u00dfen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">von Sarit Fuchs<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Seltsam. Ich verlie\u00df die Vorstellung &quot;Kinder des Holocaust&quot; mit einem gemischten Gef\u00fchl aus Genuss und Ersch\u00fctterung. Ist das wirklich seltsam? Es war ein gewagter Schritt, das Jugendtheater aus Leipzig nach Israel zu holen (und hierf\u00fcr sei dem Goethe-Institut gedankt). Es hatte Stimmen gegeben, die meinten, dass Israel einer solchen Provokation nicht gewachsen sei. Denn das St\u00fcck zeigt junge Leute der vierten Generation in Deutschland, die aufgefordert sind, ihre eigene Erinnerung mit der Erinnerung an die Shoah zu verletzten. Sie haben der deutschen Pflicht zum Aufbau einer Gesellschaft nachzukommen, die sensibel ist f\u00fcr Menschenrechte und Humanismus, und m\u00fcssen gleichzeitig mit der Geschichte ihres Heimatlandes leben. Die jungen Leute in der Vorstellung, bei denen es sich um authentische Jugendliche handelt, die als Amateurspieler auftreten, w\u00fcrden es vorziehen, bei McDonalds zu sitzen, ins Kino zu gehen, ein neues Mittel gegen Pubert\u00e4tspickel zu kaufen oder ihren Vater umzubringen, der ihre Mutter schl\u00e4gt, wie in einer Szene der Vorstellung verdeutlicht wird, die den Namen &quot;Innere Stimmen&quot; tr\u00e4gt. Wozu haben sie diese Scham und diese Dem\u00fctigung n\u00f6tig? Ihre Altersgenossen haben, wie im Programm angedeutet wird, zur Shoah ein \u00e4hnlich distanziertes Verh\u00e4ltnis wie beispielsweise zu den Kreuzz\u00fcgen. Auf jeden Fall fehlt ihnen die nahezu sp\u00fcrbare Erinnerung der zweiten Generation, die den zweiten Weltkrieg noch von ihren Eltern mitbekommen hat. Es geh\u00f6rt Mut dazu, vor ein j\u00fcdisches Publikum zu treten, das zum gr\u00f6\u00dften Teil aus Gymnasiasten besteht (im Saal des Herzliya Ensembles), und diese intimem Erfahrungen einer Bekanntschaft mit einer Katastrophe preiszugeben, die von den Urgro\u00dfeltern der Jugendlichen in Deutschland herbeigef\u00fchrt wurde, die Qualen der Konfrontation mit dem Material, die Wut \u00fcber das Einverst\u00e4ndnis, dieses zu verarbeiten, \u2013 ein Einverst\u00e4ndnis, das sich niemals von dem Wunsch befreien kann, dem Albtraum zu entfliehen und ins &quot;normale&quot; Leben zur\u00fcckzukehren. Das normale Leben von Jugendlichen im Pubert\u00e4tsalter ist ohnehin schon belastet durch Schwierigkeiten und Dem\u00fctigungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bei dem &quot;Material&quot;, das sie zu verarbeiten hatten, handelt es sich vorliegend um die Protokolle von Zeugnissen \u00fcberlebender j\u00fcdischer Kinder, die in den Jahren 1945-47 nach der Befreiung niedergeschrieben wurden. Das Buch \u00fcber die Protokolle, f\u00fcr die ich noch nicht einmal versuchen m\u00f6chte, nach einem treffenden Attribut zu suchen (furchtbar, herzzerrei\u00dfend etc.), wurde vor zwei Jahren unter dem Titel &quot;Kinder \u00fcber den Holocaust&quot; in Deutschland ver\u00f6ffentlicht, unter anderem mit der Unterst\u00fctzung des Vereins &quot;Gegen Vergessen \u2013 F\u00fcr Demokratie&quot;, was mich an eine Zeile von Nathan Zach erinnert: &quot;Es gibt Erinnerung, und es gibt Erinnerung, und es gibt Erinnerung\/Es gibt Erinnerung, die nichts anderes ist, als ein Staudamm gegen das Vergessen&quot;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als sich die Mitherausgeberin des Buches, Elisabeth Kohlhaas (die nach Israel anreiste), an die Dramaturgin des Theaters (Marion Firlus, die ebenfalls anreiste) wandte mit dem Vorschlag, auf der Grundlage der Protokolle ein Theaterst\u00fcck zu erarbeiten, war den Leuten vom Theater klar, dass f\u00fcr das, was in den Protokollen geschildert wird, jeder Versuch einer Veranschaulichung durch Nachspielen oder Bebilderung von vornherein ausscheiden m\u00fcsse. Sie entschieden sich daher f\u00fcr ein St\u00fcck in Form einer szenischen Collage, die in mehreren Ebenen spielt &#8211; postmodern, wenn man so will.<br \/>\nEine der Ebenen auf der B\u00fchne wird von jugendlichen Laiendarstellern dargestellt, die vor Produktionsbeginn in einem Casting ausgew\u00e4hlt wurden. Sie haben die Protokolle gelesen und vor der Auff\u00fchrung an einem Werkstattkurs teilgenommen, dem ein Teil der dort erarbeiteten Materialen entnommen wurde. Die Vorstellung zeigt sie bei der Auseinandersetzung mit den Protokollen, aber auch bei \u00e4hnlichen Problemen und inneren Konflikten von Jugendlichen in der Phase der Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Parallel dazu gibt es die Ebene der Protokolle selbst, die auf der B\u00fchne meistens von vier professionellen Schauspielern gesprochen werden. Alles, was man dazu braucht, ist ein Mikrophon. Die Texte werden von den Schauspielern manchmal aus der Sicht der Interviewer vorgetragen (die Kinder wurden nach dem Krieg interviewt), und manchmal als neutrale Zeugenaussage vorgelesen, und nichts hat eine gr\u00f6\u00dfere Wirkung als dies, wie wir bereits vom Lesen des Buches &quot;Mordverl\u00e4ufe&quot; von Manfred Franke wissen, das auf Polizeiprotokollen \u00fcber die Ereignisse der Kristallnacht beruht. Die Geschichte eines M\u00e4dchens aus &quot;Kinder des Holocaust&quot;: &quot;Drei Tage lang sa\u00df ich zwischen gelben Blumen an einem Ort, an dem ein wilder Beerenstrauch wuchs. An dem Strauch waren genau zehn Beeren, davon habe ich drei Tage gelebt. Am dritten Tag haben die deutschen M\u00f6rder alle erschossen. Ich bin allein. Ich habe niemanden. Ich bin so einsam wie ein Stein.&quot;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf der wei\u00dfen Leinwand, &#8211; und dies ist die dritte Ebene -, werden kurze Gespr\u00e4che ausgestrahlt, die im Laufe der Arbeit mit den Laienschauspielern gef\u00fchrt wurden \u2013 verworrene S\u00e4tze und Ausfl\u00fcchte. Es scheint ihnen schwerzufallen, mit der Betroffenheit umzugehen, mit der Scham und der Abscheu. Und siehe da, schon kommt die gro\u00dfe Provokation: Kaum hat die Vorstellung mit dem Vorlesen aus den Zeugnissen in den Protokollen begonnen, da wird die B\u00fchne von einer Gruppe Jugendlicher betreten, die sich in einer Reihe vor dem Publikum aufstellen, eine rote Clownsnase aus der Tasche ziehen und sich beim Aussprechen des Wortes 'Holocaust' verhaspeln. Sie versuchen 'Holocaust' zu sagen, und heraus kommt &quot;Ho&#8230;, Ho&#8230;&quot;, wobei sie fast ersticken und sich ihr K\u00f6rper vor Anstrengung kr\u00fcmmt, w\u00e4hrend auf der Leinwand die \u00dcbersetzung ausgestrahlt wird: &quot;Sho&#8230; Sho&#8230;.&quot;. Das Publikum gibt keinen Laut von sich. Auch nicht, als folgender Dialog zu h\u00f6ren ist: Juliane: &quot;Holocaust? Holocaust ist \u2013 \u00c4h.&quot; Mandy: &quot;Holo&#8230;, das ist weit weg.&quot; Jonathan: &quot;Holocaust? Kenne ich. Er wohnt bei mir nebenan.&quot; Sascha: &quot;Wenn du Holocaust hast, dann musst Du zum Zahnarzt.&quot; Philip: &quot;Das ist irgendetwas, das mit Elefanten zu tun hat.&quot; Jessi: &quot;Das ist irgendetwas Furchtbares.&quot; Julian: &quot;Ich war da mal im Urlaub. Es ist sch\u00f6n dort.&quot;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dies ist ein ersch\u00fctternder Moment, doch zugleich so authentisch und charakteristisch f\u00fcr den universellen Lebenstrieb. Die roten Nasen erzeugen selbstverst\u00e4ndlich eine Groteske \u2013 jenes L\u00e4cherliche, das dem H\u00e4sslichen begegnet. Doch nicht nur das: Die roten Nasen stehen f\u00fcr die Libido junger Leute, die gerne feiern w\u00fcrden, doch die Stimmen der Kinder, die im Holocaust fast ihr Leben verloren h\u00e4tten, erheben sich aus den Protokollen, str\u00f6men auf die B\u00fchne und fordern Pr\u00e4senz bei ihrer Erinnerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im weiteren Verlauf kommt es durch den st\u00e4ndigen Wechsel von N\u00e4he und Distanz zu einer ausgekl\u00fcgtelten Auseinandersetzung der Jugendlichen mit den Protokollen der Kinder des Holocaust. Zum Beispiel: Das M\u00e4dchen Charlotte aus den Protokollen erz\u00e4hlt, wie sie geflohen sei, sich als Deutsche verkleidet habe, in einem deutschen Haus aufgewachsen sei und an dem Tag, an dem sie von dem Tod ihrer Eltern erfuhr, in Tr\u00e4nen ausgebrochen sei und als Erkl\u00e4rung f\u00fcr ihr Weinen Zahnschmerzen angegeben habe. Charlotte versteckt in der Geschichte ihre Identit\u00e4t. Und beim Sprung in die Gegenwart, in der n\u00e4chsten Szene, besch\u00e4ftigen sich auch die Jugendlichen mit Fragen der Identit\u00e4t. Ein M\u00e4dchen fragt, wie es sein kann, dass kein Junge aus der Klasse sie will. Ein anderes M\u00e4dchen tr\u00e4umt davon, eine ber\u00fchmte Schauspielerin zu sein, und ein Junge erw\u00e4gt die M\u00f6glichkeit, Lehrer zu werden, weil dies ein sicherer Beruf sei. Und wieder geht es zur\u00fcck zu den Kindern, die in der Shoah ihre Identit\u00e4t verstecken: Das M\u00e4dchen, das zwei Jahre lang bei einer reichen Polin gelebt hat und sich am Ende der Befreiung so sehr als Polin f\u00fchlte, dass es nicht zu den Juden zur\u00fcckkehren wollte. Und von demselben M\u00e4dchen erfolgt wieder ein Zeitsprung nach vorn zu einem deutschen Jungen von heute, der seinem Vater endlich seine Identit\u00e4t enth\u00fcllt: &quot;Ich bin schwul&quot; (der Vater schlug ihm ins Gesicht). Die albtraumartige Vergangenheit und die vergleichsweise unbek\u00fcmmerte Gegenwart werden einander bewusst gegen\u00fcbergestellt. Die Empfindung, die entsteht, ist: Wie flie\u00dfend ist der \u00dcbergang vom Banalen zur Zerst\u00f6rung und vom Trivialen zum Fatalen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der ungarisch-deutsche Regisseur George Tabori war meiner Kenntnis nach der erste Dramaturg, der den Mut hatte, sich mit dem unbegreiflichen \u00dcbergang zwischen der Ebene des Menschlichen und der Ebene einer Verzerrung des Menschlichen zu besch\u00e4ftigen, wobei er sich des Mittels der Groteske bediente. Ende der 70-iger Jahre rekonstruiert er die Bahnfahrt seiner Mutter (&quot;Mutters Courage&quot;) ins Vernichtungslager, wobei sie peinlich genau ausstaffiert ist und von zwei l\u00e4cherlichen Geheimpolizisten begleitet wird, von denen der eine asthmatisch ist und der andere unter Gicht leidet, und im Gedr\u00e4nge des Zuges in die Brustwarze gezwickt wird. &quot;Entheiligung&quot; des Holocaust? Im Gegenteil, sondern die Erzeugung von Grauen durch die Darstellung des L\u00e4cherlichen. Unendlich viele Tr\u00e4nen sind bereits vergossen worden, doch wenn der Zuschauer die Bedrohung durch das menschliche Potential an B\u00f6sem sp\u00fcren und zu Erkenntnissen \u00fcber seine Gegenwart und seine Beziehung zu Andersartigem gelangen soll, so gilt es, einen klaren Verstand zu bewahren. Damit die Lehren gezogen werden, darf rationales Denken nicht durch Tr\u00e4nen verdr\u00e4ngt werden. Wie George Tabori schrieb: &quot;Wenn sich beide Seiten nicht gegenseitig als Menschen betrachten k\u00f6nnen, dann kann man genauso gut die \u00d6fen wieder anz\u00fcnden.&quot; Mit anderen Worten: Wachsames Denken, das frei ist von Schuldgef\u00fchlen, die mit Wut und Rachegef\u00fchlen einhergehen, kommt zu der Erkenntnis, dass Vorsicht geboten ist, denn der Holocaust wurde von Menschen herbeigef\u00fchrt und wer wei\u00df, wozu sie sonst noch in der Lage sind. Das ist es, was die Vorstellung &quot;Kinder des Holocaust&quot; sagen will und vor allen Dingen der deutschen Jugend, denn f\u00fcr diese wurde sie eigentlich gemacht.<br \/>\nUnd tats\u00e4chlich gibt es, wie verbl\u00fcffend, in der bescheidenen und kraftvollen Produktion &quot;Kinder des Holocaust&quot; keine Gef\u00fchle von Schuld oder Wut (das ber\u00fchmte &quot;Schuldig geboren&quot; des \u00d6sterreichers Peter Sichrovski geh\u00f6rt der vorausgegangenen Generation an). Und vor allem findet sich hier nichts mehr von dieser obsessiven Geschichte eines Holocaust zwischen deutschen Nazis und faschistischen Juden, mit der wir hier in Israel jahrelang drangsaliert wurden und die in Akko erneut den ersten Preis gewonnen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gegen Ende der Auff\u00fchrung noch eine Provokation: Eines der M\u00e4dchen tritt an den B\u00fchnenrand, betrachtet uns und beschwert sich: &quot;Das war definitiv einmalig. Wie sollte ich mich damit gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig identifizieren k\u00f6nnen?&quot; Und dann beginnt sie, ihre langen Beine einzucremen und ausf\u00fchrlich \u00fcber die wunderbare Wirkung ihrer K\u00f6rperpflege zu sprechen. Es ist wichtig, sich einzucremen, solange die Haut noch feucht ist. Nicht spannen, sondern nur leicht einmassieren. &#8211; Das ist so realistisch, dass man schreien m\u00f6chte. Warum auch nicht? Wird im Fernsehen etwa nicht auch \u00fcber einen Tsunami oder einen Mord in einer Familie berichtet und anschlie\u00dfend Werbung f\u00fcr ein glamour\u00f6ses Schampoo gemacht? In den Text dieser raffinierten Produktion aus Leipzig sind ironische Andeutungen eingestreut. Das M\u00e4dchen sagt \u00fcber ihre Haut: &quot;Ich achte auf meine Haut, und sie sch\u00fctzt mich&quot;. Die Assoziationen \u00fcberschlagen sich: Das Abziehen der Haut, der Haut, die die Juden nicht besch\u00fctzt hat, wozu sich eincremen, wenn es \u00fcberall alle m\u00f6glichen Nazis gibt? Und vor allen Dingen denken wir: M\u00e4del, es kommt Dir nur so vor, dass Dich irgendetwas auf dieser Erde besch\u00fctzen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Aus dem Hebr\u00e4ischen von Yakhin Chava HaEvri<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein deutsches Jugendtheater f\u00fchrt in Israel eine Vorstellung auf, in der das Verh\u00e4ltnis der vierten Generation in Deutschland zur Shoah zum Ausdruck kommt. 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